Gevatters Gefährtin

Gevatters Gefährtin

 

Gevatter Tod war ein sehr einsamer Mann. Tag um Tag und Nacht um Nacht war es seine einzige und bedeutungsvollste Aufgabe, die Lebenslichter jener Menschen zu löschen, deren Lebensfäden die Schicksalsgöttinnen getrennt hatten. Einen nach dem anderen geleitete er sie am Ende ihres irdischen Lebens auf die andere Seite. Die Seelen der Menschen kamen stets zu ihm, flehend und bettelnd und weinend, und brachten ihm ihr Licht, sodass er es löschen konnte. Niemals hatte er über den Zweck seines Tuns nachgedacht, sondern erfüllte immer treu die ihm aufgetragene Pflicht.

Nun begab es sich jedoch, dass ihm die Seele eines jungen Mädchens unterkam. Weder fürchtete es sich, noch bat es wimmernd um sein Leben; Es stand lediglich da und sah ihn aus seinen funkelnden Augen traurig an. Wider die Vernunft fragte der Schnitter das Mädchen: „Trauerst du um dein Leben, mein Kind?“ „Nein, Gevatter“, antwortete das Mädchen furchtlos und schüttelte den Kopf, „Man trauert nicht um ein Leben, das man sich nie wünschte und das einem doch alles nahm.“ „Nun denn, was bedrückt dich also?“, forschte der Tod weiter, beeindruckt von den weisen Worten, die sie trotz ihrer jungen Jahre gesprochen hatte. „Das Dasein garselbst“, antwortete die Seele teilnahmslos, „Selbst im Tod ist es mir nicht gestattet, meine Existenz zu beenden. Ich segle nun lediglich hinüber in eine andere, gleichsam grausame Welt.“ Mit diesen Worten übergab sie ihm ihr Lebenslicht und stieg in das wartende Boot des Gevatters.

          Dieser jedoch war ungewohnt ergriffen von ihrem Schicksal. Erstarrt stand er im Hafen und betrachtete nachdenklich das kleine Licht in seinen Händen. Niemals zuvor hatte ihn jemand so willkommen geheißen.

Vorsichtig stieg er nach ihr in das Boot und gab ihr das Licht zurück. „Wollt ihr es denn nicht löschen?“, fragte das Mädchen mit angewidertem Blick auf das Leuchten, das sie trug. „Ohne dein Licht wäre die Welt eine dunklere. Nimm es als mein Geschenk mit hinüber.“, erwiderte der Tod wohlwollend. Doch die junge Frau legte das Licht vor sich hin und verschränkte die Arme vor der Brust. Trotzig erklärte sie: „Es bedeutet mir nichts, wenngleich es nunmehr euer Geschenk ist.“

Nachdenklich besah sich der Sensenmann das Licht zu seinen Füßen. Er konnte und wollte dieses schöne Geschöpf nicht einfach der Dunkelheit auf der anderen Seite anheimgeben. Also griff er nach oben und holte das Licht aus der Lampe über seinem Kopf. Behutsam legte er es ihr in die Hände und sagte: „Dies ist mein Lebenslicht. Ich gebe es dir als Geschenk und doch trägt es eine Aufgabe in sich. Ich bitte dich, auf all die verlorenen Seelen hier drüben acht zu geben und ihnen den rechten Weg zu leuchten.“ Mit diesen Worten legte er an und drängte sie aus dem Boot. Völlig überrascht ließ sie es mit sich geschehen.

          „Das kann ich nicht annehmen!“, sprach die junge Frau erschrocken und wollte ihm das Licht zurückreichen. Doch das Boot hatte bereits ohne das Zutun des Fährmannes wieder abgelegt und war außer Reichweite. „Dann nimm mein Licht als dein Pfand!“, bat sie ihn also mit verzweifelter, lauter Stimme. Er nickte, las ihr Licht vom Boden auf und brachte es an die Stelle, die vorher dem Seinen zugedacht gewesen war.

Bald war er nur noch als feines Leuchten in der Dunkelheit zu erkennen. „Wie heißt du?“, rief er laut, kurz bevor die Dunkelheit ihn verschlucken konnte. „Aurora“, erwiderte sie. Und obgleich sie es in der Finsternis nicht sehen konnte, zog er in einer eleganten Verbeugung seinen Hut vor ihr und wisperte: „Auf bald, süße Aurora.“

Immer, wenn er von nun ab eine weitere Seele ans andere Ufer geleitete, rief diese schon bald voller Erstaunen: „Was ist das für ein wunderschönes Licht dort am Ufer der Dunkelheit?“ Und der Sensenmann antwortete dann voller Liebe und Stolz: „Das ist Aurora, Behüterin der verlorenen Seelen und Wächterin über mein klägliches Dasein.“

Und bevor die Seele das Boot am anderen Ufer verließ, stieg Aurora stets hinein und gab dem Tod einen liebevollen Kuss. Darauf sah sie auf das Licht in ihren Händen und sagte stolz: „Strahlend wie eh und je“ „Genau wie du“, antwortete der Schnitter dann lächelnd, während er von seinem Boot wieder davongetragen wurde.