Feuer und Glas

Feuer und Glas

 

Für mein Einhorn

 

Es war einmal eine gute Fee, die vor langer Zeit über das weite Feenland geherrscht hatte. Daraus war sie von einem bösen Dämon vertrieben worden, der das Feenland zerstörte und vor dem sie sich in einem Schloss aus Glas verstecken musste. Das Glas schützte sie vor dem Dämon, denn der konnte sein eigenes Spiegelbild nicht sehen, ohne zu erblinden.

         Er hasste die Fee aus tiefstem Herzen, denn sie verkörperte das Gute in der Welt, während er nur das Böse und Grauenvolle um sich herum ertragen konnte. Der Dämon war sich sicher: Könnte er die Fee aus ihrem Glasschloss locken und mit sich in die Unterwelt ziehen, könnte er ihre Kräfte unterbinden und die Herrschaft über das Feenland endgültig an sich reißen. Doch die Fee würde niemals freiwillig aus dem Schloss kommen.

 

Eines Nachts jedoch zog ein gewaltiges Gewitter über dem Feenschloss auf. Es blitzte und donnerte, dass die Wände des Schlosses unter der Kraft der Natur erbebten. Dann plötzlich schlug einer der Blitze in den höchsten Turm des Glasschlosses ein.

         Voller Entzücken beobachtete der dunkle Dämon, wie sich langsam aber stetig ein Riss von der Turmspitze aus vergrößerte und sich ausbreitete, bis seine Ableger das gesamte Schloss durchwachsen hatten. Schließlich passierte alles sehr schnell. Innerhalb von Sekunden zerbarst das ganze Schloss in tausend Teile und stürzte in sich zusammen. Der Dämon witterte seine Chance und stürmte zu den Trümmern des Feenschlosses.

 

Die Fee lag mit Tränen in den Augen inmitten der Scherben. Halb bewusstlos murmelte sie einen Zauberspruch vor sich hin und schien die Welt um sich herum kaum noch wahrzunehmen. Blut bedeckte ihren Körper und einzelne Glasscherben ragten noch aus ihrer Haut.

Durch den Vorhang aus Tränen und Blut sah die Fee den Dämon auf sich zuschreiten, unfähig, sich vor ihm zu schützen. Ihr Zauberstab lag irgendwo zwischen den Glasscherben ihres einstigen Heimes und sie konnte sich einfach nicht bewegen. Von ganz weit weg drangen Schreie an ihr Ohr und es dauerte lange Augenblicke, bis ihr klar wurde, dass sie es war, die da schrie.

Mit hämischem Grinsen beugte sich der Dämon über sie und legte ihr seine Hand auf das Gesicht. Betäubt von den Schwefeldünsten seiner Haut sank die Fee in tiefe Bewusstlosigkeit.

 

Mit ihrem letzten, verzweifelten Zauberspruch hatte die Fee die guten magischen Wesen ihrer Welt um Hilfe angefleht. Und ihr Flehen war erhört worden.

Ein Einhorn war durch ein magisches Portal zu ihr geeilt. Als es jedoch den Scherbenhaufen des Glasschlosses erreichte, hatte der Dämon die Fee bereits in die Unterwelt entführt. Nur das Blut und der beißende Schwefelgestank erinnerten noch an das Grauen der Nacht.

         Im Mondlicht suchte das Einhorn nach dem Zauberstab der Fee. er war beim Zusammensturz des Schlosses weit fortgeschleudert worden und lag nun zwischen den verkohlten Resten des einstigen Zauberwaldes. Er war zerbrochen und aus seinen Enden stoben furchterregende Feuerblitze. Erschrocken wich das Einhorn zurück. Dieser Zauberstab musste für alle Zeiten vernichtet werden, sonst würde er sehr viel Unheil anrichten. Denn ihm wohnte nun die böse Kraft der Gewitternacht inne.

Mit herausforderndem Schnauben senkte das Fabeltier seinen Kopf und berührte den Stab mit seinem Horn, sodass er augenblicklich in Flammen aufging. Dann machte es einen Schritt zurück und sammelte sich kurz, bevor es ein weiteres Portal öffnete und sich auf den langen und gefährlichen Weg in die Unterwelt machte, um die gefangene Fee zu erretten.

 

Benommen erwachte die gute Fee inmitten von Dunkelheit. Sie benötigte einige Zeit, um wieder Herrin ihrer Sinne zu werden und sich an die Ereignisse der Nacht zu erinnern. Noch bevor sie die Augen aufschlug konnte sie das Rauschen und Knistern des Feuers hören und seine Hitze spüren.

Voller Entsetzen blickte sie in die lodernden Flammen um sich herum. Im ersten Impuls wollte sie wegrennen von ihnen. Doch sie musste nicht minder entsetzt feststellen, dass sie an Händen und Füßen gefesselt war und ihre Flügel ihr hinter dem Rücken zusammen gebunden worden waren.

Tränen der Wut traten in ihre Augen. Sie war verloren, dem Dämon auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, dass jemand ihren verzweifelten Hilferuf gehört haben könnte.

 

Zufrieden rieb sich der Dämon die Hände. Endlich hatte er die Fee in seiner Gewalt und damit das ganze Feenland unter seiner Kontrolle. Die Fee würde auf ewig in den Feuern der Unterwelt schmoren und niemand würde ihre Schreie hören. Entspannt lehnte der Dämon sich zurück, als plötzlich ein gewaltiger Magiestoß seine Festung erzittern ließ.

 

Drei Tage und drei Nächte war das Einhorn durch die Unterwelt galoppiert, hatte felsige Abgründe, blubbernde Lavafelder und stinkende Schwefelflüsse hinter sich gelassen. Als es nun am steinigen Ufer des Blutsflusses stand, der die Feuer der Unterwelt vom restlichen Land des Dämons trennte, spürte es bereits die sengende Hitze der Flammen.

         Doch es spürte auch die Anwesenheit der Fee. Irgendwo dort zwischen den Flammen musste sie sein. Bedächtig durchschritt es den Blutsgraben, bis sein Fell vollkommen vom Blut der Todgeweihten durchtränkt war, und begann dann langsam und konzentriert, die Flammen vor sich zu teilen.

Plötzlich mischte sich beißender, schwarzer Rauch in das Rot des Feuers und ein Knall unterbrach das Knistern der Flammen. Der Dämon war erschienen.

 

Aufgeschreckt durch den plötzlichen Lärm erwachte die Fee aus ihrer erneuten Bewusstlosigkeit und richtete sich unbeholfen auf. Nicht weit von sich sah sie den Dämon, der verbissen Feuerschwaden gegen einen Gegner außerhalb ihres Sichtfeldes warf. Sein Gesicht war wutverzerrt und seine Haut stand in Flammen.

Die Fee versuchte angestrengt aufzustehen und erblickte das Einhorn, das die Feuerschwaden des Dämons mit kräftigen Energieblitzen beantwortete. Dennoch war bereits abzusehen, dass es den ungleichen Kampf verlieren würde, geschähe kein Wunder.

         Verzweifelt sann die Fee nach einer Möglichkeit, dem Fabeltier zu helfen. Schließlich fasste sie einen Entschluss…

 

Die Fee stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus, der sowohl das Einhorn als auch den Dämon innehalten ließ. Dann warf sie sich todesmutig in die Flammen.

Der Energieblitz des Einhorns traf den Dämon vollkommen unerwartet und er wurde mit geballter Kraft zurück in seine Festung teleportiert.

Schon stürmte das Fabeltier auf die Stelle zu, an der die Fee in den Flammen versunken war. Sie war bewusstlos und über und über mit Brandnarben bedeckt. Eilig löste das Einhorn die Fesseln und versuchte, die Fee wieder zu wecken. Sie öffnete die Augen und sah das Einhorn ungläubig an. Klettre auf meinen Rücken!, flüsterte es in ihrem Kopf. Benommen und voller Schmerz folgte sie dem Befehl des Tieres. Als die Fee sicher saß, öffnete das Fabeltier erneut ein Portal und sprang mit der Befreiten zurück in seine eigene Welt.

 

Der Wald des Einhorns war wunderschön. Das leuchtende Grün der Blätter hüllte sie sanft ein. Überall hingen seltsame, unbekannte Früchte von Bäumen und Sträuchern und der Himmel glitzerte hell von Millionen von Sternen. Dicht neben sich hörte die Fee das beruhigende Plätschern einer Quelle und als sie sich vorsichtig danach umdrehte, sah sie in der Tiefe des kristallklaren Wassers viele kleine Fische, die sie neugierig musterten.

         Zu gerne hätte sie etwas von dem Wasser getrunken, doch dazu war sie einfach noch zu schwach. Die Fee hörte, wie das Einhorn an sie herantrat, und fühlte, wie es sie sanft mit seinen Nüstern berührte. Sofort durchfuhr sie wohlige Wärme und sie fühlte sich etwas kräftiger. Bedächtig stand sie auf.

Sie sah an sich herab. Ihr Kleid war angesengt und an einigen Stellen sogar ganz verbrannt und sie war über und über mit Blut und Narben bedeckt. Letztere schmerzten zwar noch, doch schlossen sie sich bereits wieder. Es wird heilen., versprach das Einhorn in ihrem Kopf.

         „Du musst mich nach Hause bringen!“, forderte die Fee von dem Fabeltier. Das kann ich nicht., tönte die Antwort in ihren Gedanken. „Ich habe gesehen, dass du es kannst!“, widersprach sie trotzig. Das Einhorn schüttelte bedächtig den Kopf. Du kannst nicht zurück. „Ich muss mich um mein Volk kümmern!“, verzweifelte die liebe Fee, „Und um mein Land!“ Dein Land ist dem Untergang geweiht. Es gehört nun dem Dämon. Dein Volk ist entweder tot oder auf der Seite des Bösen. Du kannst nichts mehr für es tun. Denke jetzt an dich.

Die Fee sank wie betäubt wieder zu Boden. Das konnte einfach nicht wahr sein! Wie hatte das nur passieren können? Du hast dich zu lange in deinem Glasschloss versteckt. Jetzt ist es zu spät.

„Was soll ich jetzt tun?“, fragte die Fee mit Tränen in den Augen. Bleib hier!, antwortete das Fabeltier, Hier bist du sicher vor dem Dämon. „Ist er nicht tot?“ Mit schreckgeweiteten Augen starrte die Fee das Einhorn an. Nein, bestätigte es mit einem Kopfschütteln, Er wird wiederkommen. Aber zusammen können wir ihn von dir fernhalten.

 

So blieb die Fee also bei dem Einhorn, und auch wenn der Dämon noch immer nach ihnen sucht, wird er sie niemals wieder einsperren können.